Artikel in der Ostthüringer Zeitung vom Mittwoch, 2. November
Eisenberg (OTZ/Kemter). Angeregt vom kürzlich in Eisenberg gebildeten "Selbsthilfekreis Hartz IV Saale-Holzland-Kreis" demonstrierten gestern Abend rund 60 Frauen, Männer und Kinder (laut Polizei 49 Erwachsene) durch die Kreisstadt, um ihren Protest gegen die ihrer Meinung nach ungerechte Behandlung durch Bundespolitik und Behörden zum Ausdruck zu bringen. Unter den Demonstranten zehn Aktive von der Geraer Initiative für soziale Gerechtigkeit mit teils 66-facher Montagsdemo-Erfahrung, die um Unterstützung gebeten worden waren und den Zug mit Trillerpfeifen anführten.
Die Eisenberger und Leute aus anderen Orten des Landkreises fielen zwar nur zaghaft in die Sprechchöre ein, angespornt über den Lautsprecher auf dem voran fahrenden DGB-Auto. Doch ihre Gespräche machten deutlich, dass sie sehr wohl meinten, was sie riefen: "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut."
So erzählte eine Frau: "Seit wir BRD sind hatte ich noch nie Arbeit. Habe zwei Kinder bekommen, das war mit 35 das Aus." "Vom Arbeitsamt habe ich noch nie was angeboten bekommen", sagt eine andere. Und eine dritte schildert: "Mitunter werden wir auf dem Arbeitsamt wie der letzte Dreck behandelt, bei Lehrgängen auch. Mehr Verständnis von den Frauen dort für unsere Lage wäre wünschenswert."
Ein Ehepaar aus Bad Klosterlausnitz beklagt, dass das wenigen Geld für Versicherungen und andere Rechnungen weg ist, sie oft nicht mal Lebensmittel geschweige denn Kohlen kaufen könnten.
Mit im Demonstrationszug auch einige (noch) nicht von Hartz IV Betroffene, denen aber klar zu sein scheint, dass sie ganz schnell dazu gehören könnten. So ein Königshofener: "Ich bekomme noch Arbeitslosengeld I, aber wer weiß was wird. Das ganze Kindergarten-Theater in Berlin mit der Regierung macht einem Angst."
Und ein 44-jähirger Eisenberger fügt an: "Ich habe drei Berufe gelernt und zusätzlich einen Hausmeister- und einen CNC-lehrgang gemacht. Arbeit bekommen habe ich nicht. Deshalb bin ich hier".
Eine Frau findet es ungerecht, dass ihr Arbeitslosengeld um das Kindergeld gekürzt wird, weil ihr 18-jähriger Sohn bei ihr lebt, der aber in seiner überbetrieblichen Ausbildung kein Lehrlingsgeld erhalte.
Unter den Sprechern zur den Kundgebungen am Markt und am Schützenplatz gehörte Barbara Schönborn von der Eisenberger Arbeitsloseninitiative, die sich selbst als "leuchtendes Beispiel der Arbeitsmarktpolitik in Deutschland" bezeichnete, da ihr Mann noch Arbeit habe, sie einen Ein-Euro-Job. Sie machte u.a. auf die Rechtsberatung der Initiative aufmerksam.
Auch dabei der WASG-Landesvorsitzende Andreas Hähle. Er nannte die gestrige Dienstag-Demo einen guten Anfang und machte den Saale-Holzländern Mut für weitere Aktionen.
Künftig wollen sich Hartz-IV-Empfänger und Sympathisanten jeden Dienstag 18 Uhr auf dem Eisenberger Markt treffen. Sie hoffen, dass dann mancher, der jetzt nur als Zuschauer am Straßenrand oder am Fenster stand, dabei ist.