Hintergründe zum Antrag A5 des Landesparteitags DIE LINKE. NiedersachsenEnergieintensive Industrien auf den Prüfstand!Der Antrag "Energieintensive Industrien auf den Prüfstand!" ist auf der Seite der LINKEN. Niedersachsen online abrufbar.
1. Einleitung: … den Stoffwechsel mit der Natur zu beschränkenDer Publizist und Parteivorstandsmitglied Raul Zelik hat nicht nur auf dem Abschlusspodium der Strategiekonferenz der LINKEN im Frühjahr 2020 in Kassel, sondern auch in vielen Publikationen eine wichtige Maxime vertreten, welche Leitlinie für den ökologisch-sozialen Umbau unserer Gesellschaft sein sollte. Es gehe darum, "den Stoffwechsel mit der Natur [zu] beschränken." 2. Energetische Bilanzverfälschung mit Biomasseverbrennung hat notwendige Schritte verschlepptWohin das Missachten der eingangs genannten Maxime führt, können wir schon heute sehen: 3. Energieintensive Industrien als Regisseure von Klima- und EnergiestrategienDer Weltklimagipfel Rio 1992 wurde durch Kräfte organisiert, die sich später als "World Business Council on Sustainable Development" (WBCSD, Weltwirtschaftsrat für nachhaltige Entwicklung) offiziell konstituiert haben. Auf seiner gibt Websitegibt Stephan Schmidheiny selbst an, dass er die Konferenz von Rio 1992 maßgeblich organisiert, den Präsidenten des Weltnachhaltigkeitsrats, Maurice Strong als Chefberater zur Seite stand und die Gründung des WBCSD in die Wege geleitet hat - sogar seine Rolle in Zusammenhang mit dem Mädchen von Rio, Severn Cullis-Suzuki, deutet er mit der Illustration auf seiner Website an. Schmidheiny wird auf der Seite von Forbes Österreich mit einem Vermögen von 42 Mrd. US-Dollar angegeben, absurderweise als nur 18. reichster Schweizer (siehe dort). 4. Nationale Wasserstoffstrategie als Verschleppung Nr. 2Die nächste Runde dieses falschen Weges wird nun mit der Nationalen Wasserstoffstrategie (NWS) eingeläutet. Statt den Ressourcen- und Energieverbrauch zu senken, setzt sie auf CO2-neutralen und damit angeblich "nachhaltigen", aber nicht reduzierten, sondern sogar mit Sicherheit gesteigerten Ressourcenverbrauch durch die Wasserstofftechnologie. Eine wichtige Rolle kommt in der Diskussion dem Thema "grüner Wasserstoff" zu. Vereinfacht formuliert stellt sich diese Perspektive in Deutschland folgendermaßen dar: Wenn der Wasserstoff klimaneutral gewonnen werde, dann sei der Energieverbrauch, also ein noch so schlechter Wirkungsgrad, nebensächlich. Außerdem soll er zum größten Teil im Ausland gewonnen werden. 5. Grüner Wasserstoff aus Atomenergie? - Farbenlehre des WasserstoffsIn Projekten von EDF (französisches Staatsunternehmen) wird schon jetzt Wasserstoff aus Atomstrom ganz offen als "grüner Wasserstoff" bezeichnet. Dies harmoniert unter dem Aspekt der Treibhausgas(THG)-Emissionen mit den Grundzügen einer jeden "Farbenlehre des Wasserstoffs": Grauer Wasserstoff ist derjenige, der in herkömmlicher Weise durch (Wasser-)Dampfreformierung z.B. mit Erdgas mit voller Emission von CO2 gewonnen wird, blauer Wasserstoff ist derjenige, bei dessen Herstellung entstehendes CO2 eingefangen wird, um es (z.B. unter der Erde) zu "speichern" und grüner Wasserstoff ist derjenige, bei dessen Herstellung kein CO2 entsteht oder bei dessen Herstellung entstehendes CO2 aufgrund der Ausgangsstoffe (z.B. Waldrestholz) als nicht klimarelevant interpretiert wird. Vor diesem Hintergrund ist klar, dass es die Interpretationsmöglichkeit gibt, wie wir es bereits sehen, Wasserstoff, der mit Atomenergie angeblich ohne THG-Emissionen hergestellt wird, ebenfalls als "grün" zu bezeichnen. Andere Farbzuweisungen für Wasserstoff aus Atomenergie changieren von Violett über Rot bis Pink. Sie erwecken durch ihre Uneinheitlichkeit den Eindruck, dass es im Unterschied zur Zuweisung "Grün = CO2-frei" darüber hinaus keine Verbindlichkeit gibt. 6. Wasserstoffstrategie als EnergiefresserIm Effizienzvergleich sind Lösungen mit Akkus als Speicher für Strom deutlich günstiger als Konzepte mit Wasserstoff. Daher raten die Fachpolitiker*innen unserer Bundespartei und -Fraktion z.B. für den motorisierten Individualverkehr von Konzepten mit Wasserstoff ab. Wasserstofftankstellen können nur diejenigen fordern, die auch für die Zukunft an Langstreckenindividualverkehr glauben, statt auf intelligente Verkehrskonzepte für den Nahbereich und auf die Schiene für den Personen- und Güter-Fernverkehr zu setzen. Auch für Triebwagen erfährt man inzwischen, dass Akkus energieeffizienter sind als Wasserstoff-Brennstoffzellen. Natürlich ist für Schienenfahrzeuge Oberleitung oder eine andere Stromleitung immer die erste Wahl. Darüber hinaus setzt DIE LINKE auch grundsätzlich auf die Förderung des öffentlichen Verkehrs und des Radverkehrs, um den Gesamtenergieverbrauch unserer Gesellschaft zu senken. Auch Güter sollen von der Straße zurück auf die Schiene. Das sind logische und richtige Konsequenzen aus der eingangs genannten Maxime. Ebenso wie es Kernforderung des durch DIE LINKE geforderten sozial-ökologischen Umbaus ist, dass der ÖPNV kostenlos sein muss. 7. Wasserstoff als einzige Option, energieintensive Industrien unverändert zu erhaltenObwohl unsere Partei und Bundestagsfraktion für viele Verkehrsmittel nicht auf Wasserstoff setzen wollen, folgen sie bei der Diskussion über wichtige Grundstoffindustrien wie Stahl, Papier, Zement und Chemie noch der Regierungslinie. Demnach soll für diese Branchen der bisherige gewaltige fossile Energie- und fossile Rohstoffbedarf (vor allem Naphtha für Kunststoffe) lediglich durch CO2-emissionsarme oder -freie Versorgung mit Energie weiter betrieben werden. Wenn in diesen Bereichen aber lediglich die Energieversorgung von fossilen Energien und Grundstoffen wie Koks, Erdgas, Erdöl etc. auf Wasserstoff und Strom umgestellt werden soll, statt radikale Energieeinsparung zu entwickeln, dann rückt der Gedanke an eine klimafreundliche Energie- und Industriepolitik ohne Atomenergie in weite Ferne. Alleine für die Gewinnung des Wasserstoffs zur Herstellung des europäischen Stahls in unveränderter Menge braucht man die Energie der gesamten französischen AKW-Flotte. 8. Energieintensive Industrien zum großen Teil entbehrlich oder ersetzbarUm aus der Zwickmühle zwischen fossilen Energien und Atomenergie heraus zu kommen, sollte DIE LINKE die energieintensiven Industrien also kritisch unter die Lupe nehmen:
9. Alternativen zu StahlSchon seit den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts ist bekannt, dass Stahl durch naturfaserverstärkte Materialien z.B. für die Herstellung von Autokarosserien (siehe auch Trabbi) ersetzt werden kann. Dies ergibt doppelte Energieeinspareffekte: Weniger Energieverbrauch durch leichtere Fahrzeuge für den Antrieb, dadurch auch weniger Akkugewicht und weniger Energieeinsatz für die Herstellung. Diese Ansätze werden aktuell z.B. durch das Projekt Bioconcept-Car der Hochschule Hannover oder auch der Autoentwicklung Noah an der TU/ecomotive Eindhoven in den Niederlanden verfolgt. Ein weiteres Projekt in diesem Zusammenhang ist der Onyx Mio, entwickelt durch Nicolas Meyer, der leider im November 2018 viel zu jung im Alter von 42 Jahren verstorben ist. Noch im Januar 2018 stellte er sein um weitere Schritte verfeinertes Velomobil in der Reihe "die Nordstory" vor (ab der 19. Minute der Sendung). Solche Bemühungen sollten nicht länger ein Schattendasein fristen. DIE LINKE könnte sie näher in den Fokus rücken und sich für die breite Förderung solcher und ähnlicher Projekte einsetzen, mit leichten, in der Herstellung und im Betrieb energiesparenden Materialien statt Stahl, auch für den ÖPNV. 10. Alternativen zur ZementindustrieAuch für die Herstellung von Zementklinker ist aufgrund der hohen benötigten Temperaturen als Ersatz fossiler Energien der Einsatz von Wasserstoff für die zukünftige klimaneutrale Herstellung vorgesehen. Als Alternative wäre z.B. an Hanfzement und Holzbauweise zu denken, deren Weiterentwicklung intensiv gefördert werden sollte. 11. Alternativen zur chemischen IndustrieVor allem die Kunststoffindustrie basiert auf großen Mengen aus Erdöl gewonnener Rohstoffe. In Zukunft sollen sie nach bisherigen, vorherrschenden Konzepten mit Wasserstoff als stofflicher Grundlage produziert werden. Fürs Recycling wird in thermischen Verfahren der Kunststoff wieder in Wasserstoff überführt. Beim Gesamtprozess, von der Einsammlung des Kunststoffmülls bis zu den gängigsten Einsatzstoffen der chemischen Industrie wie Wasserstoff oder Methanol gehen drei Viertel der Gesamtmenge und damit drei Viertel der darin enthaltenen Energie pro Umlauf verloren. Sie müssen jedes Mal von außen zugeführt werden, um wieder Kunststoffe zu produzieren. Heutige Energiebilanzen der chemischen Industrie beinhalten noch nicht einmal den Energieinhalt des aus Erdöl abgetrennten Rohstoffs Naphtha, aus dem Kunststoffe produziert werden. 12. Logistik, Distribution und LebensweiseAls Alternative zu den heutigen und auch den geplanten Konzepten für Logistik und Verpackung muss in Frage gestellt werden, ob die heutige Distribution und Produktion für den täglichen Bedarf, wie wir sie kennen, auch in Zukunft so sein müssen. Denn wir haben immer konzentriertere Marktmonopole, die ihre Gewinne durch riesige zentralisierte Produktionen und Transporte über weite Strecken realisieren., Es müssen Möglichkeiten entwickelt werden, diese durch dezentrale Produktion und Distribution, mit kurzen Transportwegen und kleineren Läden zu ersetzen. In diesen wird dann auf Pfandkonzepte und Arbeitskräfte gesetzt, die beispielsweise die hygienische Handhabung der Lebensmittel sicherstellen, statt auf Verpackungstechnologien mit dem entsprechenden Energieverbrauch. Es geht also um massive Energieeinsparpotenziale bei Verpackung und Transport. Sie benötigen auf der anderen Seite öffentliche Subventionen für den Einsatz menschlicher Arbeitskraft (dezentrale Strukturen, kleinere Läden). Der daraus entspringende Gewinn für die Gesellschaft wäre nicht nur ein ökologischer, sondern durch die bessere Regionalkommunikation auch für die (mentale) Gesundheit, vor allem der älteren Bevölkerung. 13. Tatsächlich laufende Planungen mit AtomenergieWenn unendlich viel CO2-neutral gewonnene Energie zur Verfügung stünde, wäre es in punkto CO2-Bilanz kein Problem, alle Prozesse, Produktionen und Distributionen so zu belassen, wie sie heute sind. Dies sind die bisherigen Planungen seit 1953 ("Atoms for Peace"-Rede des US-Präsidenten). Es gibt bisher keine Planungen, in enormem Maß Energie zu sparen. Wir haben aber nicht unendlich viel CO2-freie Energie zur Verfügung, wenn wir nicht auf Atomenergie setzen wollen. 14. Wege, die eine wirkliche Alternative zu einer nuklearen Zukunft bedeuten können, liegen alleine in einem sozial-ökologischen Umbau, wie ihn von allen Bundestagsparteien ausschließlich DIE LINKE vertritt.Unter Berufung auf das Gremium der UNO, das für die Beurteilung von Maßnahmen gegen den Klimawandel zuständig ist, den International Panel on Climate Change (IPCC, Weltklimarat), teilte der Chef der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) vor kurzem mit: "Jeder Weg zur Erreichung der im Pariser Abkommen festgelegten 2-Grad-Schwelle ist ohne Atomkraft nahezu unmöglich, wenn nicht unmöglich". 15. Der Aufbau einer weltweiten nuklearen Wasserstoffwirtschaft beginnt JETZTDie entsprechenden Konzepte einer neuen mit Atomenergie betriebenen Industriegesellschaft, die auf diesem Wege CO2-frei mit Strom, Wärme und Wasserstoff in beliebiger Menge versorgt wird, sind mit der Studie "The Future of Nuclear Energy in a Carbon Constrained World" des MIT Ende 2018 veröffentlicht worden. Das war also ein Jahr vor der Ausrufung der Deutschen Wasserstoffstrategie und des European Green Deal. Die Studie empfiehlt, Atom-Hochtemperatur-Reaktoren (HTR), die angeblich weder fatale Störfälle haben können noch Atommüll produzieren werden, als Kleinreaktoren in zehntausendfacher Zahl in Serie zu fertigen. Aus der Studie, die davon ausgeht, dass fast die gesamte Energieversorgung auf Atomenergie beruhen wird, folgt außerdem, dass es dann effizienter sei, in HTR thermisch gewonnenen Wasserstoff für den Antrieb von Autos zu verwenden als sie mit in HTR gewonnenem Strom zu betreiben. Wer von einer nuklearen Energieversorgung der Welt ausgeht, muss sich also für eine Wasserstoffinfrastruktur starkmachen. Wenn wir als LINKE im Unterschied zu den Konzepten der Nationalen Wasserstoffstrategie (NWS), der EU und der UNO nicht auf Atomenergie setzen wollen, dann müssen wir statt auf die NWS auf konsequent Energie sparende Projekte und Strategien setzen und die erwähnten energieintensiven Industrien auf den Prüfstand stellen, statt deren vorbehaltloser Versorgung mit "grünem Wasserstoff" unser Einverständnis zu geben. |